{"id":159416,"date":"2010-01-09T18:26:45","date_gmt":"2010-01-09T23:26:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.skyscrapercity.com\/showthread.php?t=1041909"},"modified":"2010-01-09T18:26:45","modified_gmt":"2010-01-09T23:26:45","slug":"berlin-kulturforum-west-scharoun-van-der-rohe-gutbrod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mereja.media\/index\/159416","title":{"rendered":"BERLIN | Kulturforum WEST Scharoun, Van der Rohe, Gutbrod"},"content":{"rendered":"<div><b>Ihr Gleichgewicht sucht die Stadt auch noch 20 Jahre nach dem Mauerfall. Berlins Mitte nimmt langsam Gestalt an, doch im Westen verkommt die zweite Museumsinsel. Der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann beklagt den fahrl\u00e4ssigen Umgang der Stadt mir dem Kulturforum. <\/b><\/p>\n<p>Auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer hat die Stadt Berlin ihr inneres Gleichgewicht noch nicht gefunden. Das zeigen schon die Themen der aktuellen St\u00e4dtebau- und Architekturdebatte: Es wird um die einstige Altstadt im ehemaligen Ost-Berlin gestritten und um das Aush\u00e4ngeschild des fr\u00fcheren West-Berlin, das Kulturforum mit der weltber\u00fchmten Philharmonie und der Neuen Nationalgalerie.<br \/>\nAnzeige<\/p>\n<p>Im ersten Fall stehen die SED-Planungen f\u00fcr das Staatszentrum der DDR auf dem Pr\u00fcfstand, zwei Kilometer weiter westlich sind es die Stadtlandschaftsplanungen West-Berlins als Antwort auf die Museumsinsel, die auf das Engste mit dem Architekten Hans Scharoun verbunden sind.<\/p>\n<p>Beide Areale verbindet heute bei allen sonstigen Unterschieden die Idee eines besonderen Ortes bedeutendster Kulturbauten. Dabei konzentriert sich seit dem Fall der Mauer die Aufmerksamkeit auf die Rekonstruktion der Museumsinsel und deren Erweiterung durch das Humboldtforum.<\/p>\n<p>Das Kulturforum dagegen liegt buchst\u00e4blich im Schatten des neuen Potsdamer Platzes. Dabei erinnert \u0096 wie in der Altstadt Berlins St. Marien \u0096 am Kulturforum nur noch die verloren herumstehende Kirche St. Matth\u00e4us daran, dass hier einmal eine ganz andere Art von Stadtleben seinen Mittelpunkt hatte.<\/p>\n<p>Was hier rund um die von St\u00fcler entworfene Kirche seit Anfang der 1960er-Jahre geplant wurde, war eine Antwort auf die durch den Mauerbau abgetrennte Museumsinsel und das gesprengte Stadtschloss: Hier entstanden die Philharmonie und die Neue Staatsbibliothek von Hans Scharoun, die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, Kunstgewerbemuseum, Kammermusiksaal und Gem\u00e4ldegalerie.<\/p>\n<p>Aber trotz intensiver Planert\u00e4tigkeit mit Wettbewerben und Gutachten verharrt das Areal bis heute als unwirtliches Fragment. Die aktuellen Debatten \u00fcber eine R\u00fcckverlagerung der Gem\u00e4ldegalerie in das historische Zentrum verst\u00e4rken den fragmentarischen Charakter durch m\u00f6gliche inhaltliche Verluste.<\/p>\n<p>Aber schon die Beseitigung der durchweg als Missstand empfundenen st\u00e4dtebaulichen Situation f\u00e4llt schwer, weil hier das Leitbild der \u0084Stadtlandschaft\u0093 mit solit\u00e4ren Geb\u00e4uden herrschte. Dieses ist der Grund f\u00fcr die heutige Unwirtlichkeit des Ortes.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die neue Stadtlandschaft am Kulturforum auch eine Antwort war auf die hier ab 1933 von Albert Speer geplante Nord-S\u00fcd-Achse mit dem \u0084Runden Platz\u0093. Die erstmals im Hauptstadtwettbewerb von 1957\/58 von Scharoun gezeichnete Stadtlandschaft mit Autobahnen war das Gegenbild zu jeder Form von Achsialit\u00e4t, Monumentalit\u00e4t und traditioneller Stadtraumbildung.<\/p>\n<p>Das Fatale ist, dass mit dieser rigorosen Verdr\u00e4ngung der Speerschen Planung gleichzeitig jegliche Erinnerung an die Geschichte des Tiergartenviertels als Zentrum des liberalen, aufgekl\u00e4rten B\u00fcrgertums ausgel\u00f6scht wurde.<\/p>\n<p>Hier \u0096 auf dem Areal des heutigen Kulturforums \u0096 lebten zwischen Tiergarten und Landwehrkanal die f\u00fchrenden Vertreter der jungen Metropole. Sie wohnten in Villen und Stadth\u00e4usern, die zum Besten geh\u00f6rten, was Berlin um 1900 an Privatarchitektur hervorgebracht hatte.<\/p>\n<p>Allein die Namen der Bewohner verweisen auf den unendlichen Verlust b\u00fcrgerlichen Lebens in unmittelbarer Zentrumsn\u00e4he. In diesem \u0084Dahlem der Jahrhundertwende\u0093 wohnten von Lorenz Adlon bis Carl Zuckmayer u. a. Bruno und Paul Cassirer, Ludwig Bamberger, Franz Duncker, Moritz August von Bethmann-Hollweg, Athur Hobrecht, Georg Kolbe, Oskar Tietz, Emil Rathenau, Uris Lathanel Rothschild, Emil Mosse, Luis Ullstein, Georg Wertheim.<\/p>\n<p>So wie die Nazis begonnen hatten, den \u00f6stlichen Teil dieses Quartiers zuerst durch Regierungsbauten umzunutzen, um es dann f\u00fcr den Bau der Nord-S\u00fcd-Achse systematisch auszul\u00f6schen, zeigte sich das Gebiet nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als eindrucksvolle Tr\u00fcmmerlandschaft ausgegl\u00fchter Wohn- und Gesch\u00e4ftsh\u00e4user mit dem monumentalen Fragment des Hauses des Fremdenverkehrs.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Bau des Kulturforums sind dann nach und nach bis auf die Kirche und die bis zuletzt vom Abriss f\u00fcr die Museumsplanung bedrohte Villa des Verlegers Paul Parey s\u00e4mtliche architektonischen Spuren der beiden Geschichtsperioden beseitigt worden. Die Sprengung des Hauses des Fremdenverkehrs erfolgte im Oktober 1962, nachdem es kurz zuvor noch als Filmkulisse f\u00fcr Billy Wilders Kalter-Krieg-Kom\u00f6die \u0084Eins, Zwei, Drei\u0093 gedient hatte. Das Ged\u00e4chtnis des Kulturforums reicht wie in der Altstadt nur bis in die 50-er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die systematischen Abrisse unter der politischen Verantwortung der SPD-Senate und die damit verbundene \u0084Geschichtsverdr\u00e4ngung\u0093 bilden die Grundlage f\u00fcr die bis heute andauernde kulturpolitische Unsicherheit im Umgang mit dem Kulturforum.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stand auch hier mehr an denkmalswerter Bausubstanz, als man wahrhaben will. Aber mit dem starren Blick auf die Speersche Planung wurde auch die Architektur des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts sozusagen stellvertretend Opfer f\u00fcr die NS-Barbarei. So als h\u00e4tte dieser steingewordene b\u00fcrgerliche Reichtum die politische und moralische Katastrophe hervorgebracht.<\/p>\n<p>Was man in den zwei Jahrzehnten nach dem Ende des Krieges \u0084Enttr\u00fcmmerung\u0093 nannte, geriet so zur zweiten \u0084Zertr\u00fcmmerung\u0093, der bezeichnenderweise auch die relativ gut erhaltene Villa des Fabrikanten Liebermann an der Tiergartenstra\u00dfe Nr. 4, in der NS-Zeit Zentrale der Euthanasie, zum Opfer fiel.<\/p>\n<p>Die systematische Zerst\u00f6rung betraf zudem \u0096 wie in der Altstadt Berlins \u0096 auch den Stadtgrundriss als Tr\u00e4ger des Stadtged\u00e4chtnisses, u.a. die Matth\u00e4i-Kirch-Stra\u00dfe zwischen Landwehrkanal und Kirche (heute Teil der Neuen Nationalgalerie) und noch bedeutender die erst 1967 erfolgte Bebauung der alten Potsdamer Stra\u00dfe mit der Neuen Staatsbibliothek. Soweit zur Geschichte.<\/p>\n<p>Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer kann es nicht mehr darum gehen, die alte West-Berliner Debatte \u00fcber den Denkmalwert dieser innerst\u00e4dtischen Stadtzerst\u00f6rung zu wiederholen. Es muss vielmehr darum gehen, den Raum zwischen den Kulturbauten als \u00f6ffentlichen Stadtraum wiederzugewinnen.<\/p>\n<p>Auch dieses Bem\u00fchen hat inzwischen seine eigene, gut drei\u00dfigj\u00e4hrige Geschichte. Die allm\u00e4hliche Abkehr vom Denken und Planen in den Kategorien verkehrsgerechter Stadtlandschaften begann 1973 mit einem st\u00e4dtebaulichen Ideenwettbewerb f\u00fcr das gesamte Tiergartenviertel als Teil eines sogenannten \u0084City-Bandes\u0093. Dabei geh\u00f6rte die hinter der Staatsbibliothek geplante Stadtautobahn \u0084Westtangente\u0093 ausdr\u00fccklich noch zum Programm.<\/p>\n<p>1983 wurde mit dem preisgekr\u00f6nten st\u00e4dtebaulichen Entwurf von Hans Hollein der Versuch unternommen, mit einem bescheidenen, von der evangelischen Kirche definierten zus\u00e4tzlichen Bauprogramm mit relativ geringem architektonischen Aufwand zwischen den Kulturbauten einen Kulturforumsplatz baulich zu fassen. Nichts davon wurde je realisiert.<\/p>\n<p>Stattdessen setzte sich der Prozess der Verunstaltung des Kulturforums mit dem Baustopp der Gutbrodschen Planung, die uns die Rampe vor dem Eingang der Gem\u00e4ldegalerie beschert hat, und der Fertigstellung des ma\u00dfstabslosen Kammermusiksaals bis zum Fall der Mauer fort.<br \/>\nKulturforum links liegen gelassen<\/p>\n<p>F\u00fcr den Neubeginn der Planungen nach dem Fall der Mauer gibt es ein Datum: Es war der Beschluss des Senats von West-Berlin gemeinsam mit dem Magistrat von (Ost-)Berlin vom 10. April 1990, unter Ber\u00fccksichtigung des Ansiedlungsvorhabens von Daimler-Benz, einen st\u00e4dtebaulichen Wettbewerb f\u00fcr ein B\u00fcro- und Dienstleistungszentrum auszuloben, der das Kulturforum buchst\u00e4blich links liegen lie\u00df.<\/p>\n<p>Parallel zu den Arbeiten am Potsdamer Platz begannen die Planungen f\u00fcr das Parlaments- und Regierungsviertel im Spreebogen und f\u00fcr die Friedrichstadt und f\u00fcr die Wiedergewinnung der alten Stadtmitte. Die betraf und betrifft auch die Museumslandschaft mit der inhaltlichen und architektonischen Rekonstruktion der Museumsinsel u.a. mit dem Humboldtforum im Schloss.<\/p>\n<p>Das Kulturforum aber blieb von diesem wahrlich historischen Prozess ausgeklammert. Es liegt im Schatten des Potsdamer Platzes, von dem aus kommend sich beispielsweise die Besucher der Philharmonie \u00fcber einen Parkplatz zum Eingang des Konzerthauses durchschlagen m\u00fcssen \u0096 und den gastronomischen Mittelpunkt bildet eine Imbissbude an der neuen und deswegen breiten Potsdamer Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>An diesem Zustand \u00e4nderte auch die Debatte \u00fcber das \u0084Planwerk Innenstadt\u0093 nichts. Die Stadt war 1999 noch nicht bereit, die durch die Wiedervereinigung geschaffenen M\u00f6glichkeiten einer gemeinsamen Innenstadtentwicklung produktiv zu nutzen.<br \/>\nVerharren im Zustand von 1989<\/p>\n<p>So blieb nicht nur das Areal rund um St. Marien bis heute Staatsraum der DDR, auch das Kulturforum als Teil des Westens verharrt im Zustand von 1989. Es ist mit seinen Stra\u00dfen, Pl\u00e4tzen, Rampen und Bauten zweifellos ein St\u00fcck Nachkriegsgeschichte.<\/p>\n<p>Ob es aber in dieser fragmentarischen Form als solches ein st\u00e4dtebauliches Denkmal ist, muss bezweifelt werden. Dem Senat schien eine solche Haltung eher als ein Zeichen von Resignation. Er hat sich daher in mehreren Workshops unter Einbeziehung verschiedener Architekten f\u00fcr die Weiterentwicklung entschieden und dann 2005 einen Beschluss f\u00fcr einen Masterplan gefasst.<\/p>\n<p>Dieser Masterplan f\u00fcr die Weiterentwicklung des Kulturforums respektiert und inszeniert die vier architektonischen Monumente: Philharmonie, Neue Nationalgalerie, Staatsbibliothek und St.-Matth\u00e4us-Kirche. Zur Inszenierung geh\u00f6rt die Anordnung weiterer Bauk\u00f6rper f\u00fcr privat finanzierte kulturnahe Einrichtungen, mit deren Hilfe die \u00f6ffentlichen R\u00e4ume etwa um die Matth\u00e4ikirche und im Bereich der Philharmonie aufgewertet werden.<\/p>\n<p>Im Zentrum des Projektes aber stehen der Abriss der Rampe und die Anlage eines von einer Kolonnade gefassten Platzes als Eingang in die Gem\u00e4ldegalerie, das Kupferstichkabinett und das Kunstgewerbemuseum. Weiterentwicklung hei\u00dft aber auch die Anlage eines neuen Museumsplatzes anstelle der vorhandenen Rampe. Der neue Platz soll nicht das Zentrum des Kulturforums, sondern nach dem Vorbild des Neuen Museums ein Eingangsplatz f\u00fcr die Museen mit einer hohen Aufenthaltsqualit\u00e4t sein.<\/p>\n<p>Seit dem Beschluss des Senats von 2005 herrscht am Kulturforum anstelle von Weiterentwicklung Stillstand. Selbst das Zentrum der Debatte hat sich zur alten Stadtmitte verlagert. Und als sei ein Forum-Desaster nicht genug, werden bei der Planung eines neuen Rathausforums \u0096 wie am Kulturforum \u0096 Geschichte und Stadtraum ausgeklammert.<\/p>\n<p>Der Autor war von 1991 bis 2006 Senatsbaudirektor bzw. Staatssekret\u00e4r f\u00fcr Stadtentwicklung in Berlin. <br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/kultur\/berlin-kultur\/article1230687\/Wie-in-Berlin-die-zweite-Museumsinsel-verkommt.html\" >http:\/\/www.morgenpost.de\/kultur\/berl&#8230;-verkommt.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr Gleichgewicht sucht die Stadt auch noch 20 Jahre nach dem Mauerfall. Berlins Mitte nimmt langsam Gestalt an, doch im Westen verkommt die zweite Museumsinsel. Der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann beklagt den fahrl\u00e4ssigen Umgang der Stadt mir dem Kulturforum. 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